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Ein wichtiger Schlüssel an meinem Schlüsselbund
Wie merkwürdig, einem scheinbar sehr „untauglichen“ und „nichtsnutzigem“ Mitarbeiter eines Tages doch sehr viel Vertrauen entgegen zu bringen und diesem „Schandfleck des Tierheims“ dauerhaft einen zweiten Tierheimschlüssel auszuhändigen. Mit diesem Goldschatz an meinem Schlüsselbund fühlte ich mich nunmehr noch intensiver als zuvor mit „meinem“ Tierheim verbunden und aus diesem mir entgegengebrachten Vertrauen resultierte wohl irgendwie auch eine größere Verpflichtung und ein noch größeres Verantwortungsbewusstsein gegenüber meinen Schützlingen und allen mir zugewiesenen Aufgaben und Tätigkeiten.
Mit Erhalt dieses Schlüssels wurde mir zugleich auch das Glück zuteil, angesichts einer vom Arbeitsamt verordneten und zu Ende gehenden „Beschäftigungs-Therapie“ nicht mehr länger Trübsal blasen zu müssen. Eine ununterbrochene und ständige Mitarbeit dieser Hilfskraft aus Jöhstadt schien der Vereins-Regierung eines Tages doch sehr am Herzen zu liegen und nach Ablauf eines 1-Euro-Jobs wurde ich dementsprechend weiterhin als 1-Euro-Jobber vom Tierschutzverein im Tierheim beschäftigt.
Welch ein Geschenk des Himmels. Gab es für mich als Hartz4-Empfänger überhaupt noch recht große Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt? Wie viele Bewerbungen hatte ich trotz meiner Tierheim-Tätigkeit und während meiner langjährigen Arbeitslosigkeit eigentlich schon geschrieben und abgesandt? Waren solcherlei Hoffnungen nicht schon längst zerbrochen und von ernüchternder Realität zu Grabe getragen ? Die oftmals roten Zahlen auf meinen Kontoauszügen, das stets leere Portemonnaie in der zweiten Hälfte des Monats und dementsprechende Schwierigkeiten und Existenzängste überschatteten meinen Lebensalltag und zogen mich nicht selten in einen Abgrund der Frustration und Resignation. War ich jedoch im Tierheim mit meinen Aufgaben und mit meinen „Freunden auf vier Pfoten“ beschäftigt, dann hatten viele dieser Sorgen, Ängste und trübsinnigen Gedanken keinerlei Gewalt mehr über mich. Wenn ich auch einer von diesen langzeitlichen Arbeitslosen war, einer von diesen vermeintlichen „Schmarotzern“, die oftmals als „arbeitsscheue Elemente“ verunglimpft werden: Dieser „Schmarotzer“ hatte glücklicherweise eine geliebte Nebenbeschäftigung und erfreute sich dank dieser ihn erfüllenden Beschäftigung über dieses ihm zuteil gewordene Glück inmitten problematischer Arbeitslosigkeit und aller damit verbundenen negativen Folgen.
Im Glück erfährst Du´s nicht, wer´s ehrlich mit Dir meint
Meine allerbesten Tierheim-Freunde waren stets meine „Freunde auf vier Pfoten“. Niemals haben mir diese Freunde irgendwelche Unannehmlichkeiten, Enttäuschungen oder „Magenbeschwerden“ bereitet. Hinsichtlich diverser Kollegen und Mitarbeiter jedoch war gutes Einvernehmen und kollegiales Miteinander besonders während der letzten Zeit weniger positiv. Waren Konflikte und trennende Meinungsverschiedenheiten angesichts eines Haufens gänzlich unterschiedlich fühlender und handelnder Mitarbeiter letztlich überhaupt vermeidlich? Da ich allen im Tierheim untergebrachten Hunden sehr zugeneigt war und auch keinen meiner Schützlinge unterschiedlich behandelte, vermochte ich einen Mitarbeiter demzufolge auch nur schwer zu verstehen, der beispielsweise einen bellenden Hund wütend anbrüllte: „Halt´ endlich Deine elende Schnauze!“ Damit aber noch nicht genug, denn der vom brüllenden Mitarbeiter leider unbeeindruckte Hund bellte natürlich munter weiter und wird letztendlich vom genervten Kollegen mit dem vollen Inhalt eines in der Nähe herumstehenden Wischeimers überschüttet. Nein, für einen derartigen Umgang mit den Hunden hatte ich kein Verständnis und von harmonischer Zusammenarbeit konnte in derartigen Fällen dann wohl auch kaum irgendeine Rede sein.
Und wehe mir, wenn ich mich dann kritisch zu äußern wagte oder einfach nur kopfschüttelnd reagierte. Eine zuvor noch kameradschaftliche Beziehung erhielt dann entweder einen Knacks oder sie fiel ganz und gar ins Wasser. Trotz aller Betrübnis über unstabile und wackelnde Kameradschaften wollte ich aber auch nicht mittels Unehrlichkeit und Heuchelei der Freundschaft, der Anerkennung und Sympathie jener Kollegen hinterherlaufen, die mich nicht besonders mochten und an mir Dieses oder Jenes auszusetzen hatten. Andererseits gab es natürlich auch Helfer und Mitarbeiter, die mir zunächst noch freundschaftlich zugewandt waren und mich in meiner Meinung bekräftigten. Aber auch diese Blätter fallen schließlich vom Baum, verwelken und vertrocknen eines Tages zu verräterischen Freunden und egoistischen Schwächlingen. Wahrhaftig: Im Glück erfährst Du´s nicht, wer´s wirklich ehrlich mit Dir meint. Nur wer im Unglück zu Dir hält, der ist ein wahrer Freund!
Als sich meine Tierheim-Sonne verdunkelte und sich vieles gegen mich wendete, sind viele der vermeintlichen Freunde sehr schnell umgekippt und gekentert wie ein Boot auf stürmischer See. Urplötzlich waren viele dieser grandiosen „Freunde“ wie vom Erdboden verschluckt und fielen mir heimtückisch, nur auf den eigenen Vorteil bedacht und höchst charakterlos in meine Flanken. Jahrelang reichten mir viele Kollegen und Mitarbeiter ihre freundschaftlichen Hände. Dann aber zogen dunkle Wolken auf und viele dieser einst freundschaftlichen Hände stimmen eines Tages während einer Mitgliederversammlung des Tierschutzvereins gegen den einstigen Freund und Mitarbeiter. Für die damaligen elitären Vorstandsmitglieder ist es während dieser Versammlung nahezu ein Kinderspiel, alle versammelten Mitglieder sehr schnell und leicht davon zu überzeugen, welch ein „Schädling“ und welch ein „Schandfleck für das Tierheim“ ich doch nunmehr geworden sei. Derartiges Ungeziefer muss selbstverständlich bekämpft und ausrangiert werden und letztlich sind es nur zwei Personen, die sich strikt weigern, so brav und artig wie all die vielen anderen Mitglieder ihr Händchen gegen mich in die Höhe zu strecken. Welch eine schmerzliche Erfahrung und Enttäuschung: Fast zehn Jahre lang bin ich an einem Ort tätig gewesen, der mir im Verlauf der Jahre mehr und mehr ans Herz gewachsen ist. Es war und bleibt eine schöne Zeit, die sich tief in meinem Gedächtnis verewigt hat. Nicht alles war stets und immer in Ordnung. Dann und wann gab es manches Ärgernis, manches ernste Problem und diverse Auseinandersetzungen. An welchem Ort und in welcher Gemeinschaft von Menschen gibt es jedoch immerzu nur Harmonie, Liebe, Frieden, ständige Glückseligkeit und zuckersüßen Eierkuchen ? Von Anfang an bis zum bitteren Ende hatte mir meine Tierheim-Beschäftigung viel Spaß und sehr viel Freude bereitet. Trotz mancherlei Unebenheiten war dieser Arbeitsort der für mich bedeutsamste Arbeitsort aller bisherigen Jobs und Arbeitsstellen. Hier hatte ich mich fast ein Jahrzehnt lang wohl und glücklich gefühlt, hier wusste ich mich gebraucht und hier erhielt jeder meiner Handgriffe und Schritte das Siegel bisher nicht erlebter Sinnerfüllung. Jeden Tag neu schien in diesem Tierheim die Sonne in mein Herz, selbst dann, wenn es betreffs der zwischenmenschlichen Beziehungen einmal regnete, donnerte und blitzte. Dieses Tierheim und meine „Freunde auf vier Pfoten“ waren für mich das Gewässer, der Fluss und Ozean, ohne welchen ein Fisch nicht leben kann. Hier hatte ich ein Zuhause und eine mich beglückende Heimat gefunden und es wird sicherlich für immer eine offene Wunde bleiben, das es letztlich „Freunde“ waren, von denen ich eines Tages aus dieser Heimat vertrieben und als „Abschaum des Tierheimes“ entsorgt und recycelt wurde.
Eine Begegnung mit peinlichen Fragen
Kürzlich begegnete ich in den Räumlichkeiten der Annaberger Tafel einer kleinwüchsigen und älteren Dame, die mich ansprach und sehr nett und freundlich begrüßte: „ Ach, Du bist doch der Wolfgang aus dem Tierheim!“ Wer war diese Frau? Ich kannte sie nicht und vermochte sie nirgendwo in meinem Bekanntenkreis einzuordnen. Erst später klingelte es allmählich in meinem Gedächtnis und nach der freundlichen Begrüßung folgte sogleich eine sehr unangenehme Frage: „Wie läuft es denn jetzt so im Tierheim?“ Oh weh! Sollte ich der netten Dame jetzt die Taschen vollschwindeln oder besser die Katze aus dem Sack lassen? Ich antwortete: „Keine Ahnung, ich bin nicht mehr im Tierheim.“ Überrascht und auch etwas ungläubig schaute sie mich an und entgegnete: „ Du nicht mehr im Tierheim? Das glaubst Du doch selber nicht. Du kannst doch ohne Deine Hunde gar nicht leben!“ Wie gut dieses Mütterchen mich doch zu kennen schien. Kurz entschlossen erwiderte ich: „Nein, wirklich, ich bin schon lange nicht mehr im Tierheim. Für den Vorstand war ich leider nicht mehr gut genug und wurde deswegen leider gefeuert und aus dem Tierheim rausgeschmissen.“ Die Stirne runzelnd musterte sie mich nochmals mit ungläubigen Blicken und ich war nicht wenig erleichtert darüber, das sie sogleich von ihrer Nachbarin angesprochen wurde und sich mit dieser in ein längeres Gespräch vertiefte.
Über höhere und niedrigere Prioritäten
Was hatte mich während meiner Mitarbeit in diesem Tierheim doch nicht alles getrieben und umgetrieben. Ärgernisse und Probleme schlugen mir sehr oft wortwörtlich auf meinen Magen und solcherlei Magenbeschwerden waren dann keineswegs etwas Vergnügliches. Mitunter hatte ich dann und wann auch gänzlich andere gesundheitlichen Probleme, jedoch es kam mir niemals in den Sinn, deswegen etwa auf meinem Hintern Zuhause zu bleiben, mich auszukurieren oder mir gar einen Krankenschein zu besorgen. Nein, was mir an manchen Tagen auch immer zu Schaffen machte: Unbedingt musste ich Tag für Tag ins Tierheim, auf Biegen und Brechen. Auch im Winter war ich oftmals an „Verrücktheit“ nicht zu übertreffen. Wenn ein heftiger Schneesturm auch noch so sehr tobend den gesamten Straßenverkehr lahm zu legen drohte – was kümmerte es mich? Trotz schneeverwehter und gesperrter Straßen, trotz Schneegestöbers oder eisiger Glätte – dieser größenwahnsinnige Tierheim-Hilfsarbeiter setze sich tatsächlich in seine oft winteruntaugliche Schrottkiste und kämpfte sich mühsam und oft auf vielerlei Umwegen seinem alltäglichen Ziel entgegen. Auch wenn die ansonsten halbstündige Fahrt ins Tierheim aufgrund katastrophaler winterlicher Bedingungen dann möglicherweise auch Stunden beanspruchte: Winterliches Unwetter oder auch gesundheitliche Beschwerden vermochten mich letztlich nie daran zu hindern, dennoch und trotz alledem ins Tierheim zu fahren. Meine „Freunde auf vier Pfoten“ hatten in meinem Denken und Handeln offenbar eine größere Priorität als irgendwelche gesundheitlichen Probleme oder unwetterbedingten Erschwernisse und Gefahren.
Angesichts dieser Eigenart, trotz gesundheitlicher Beschwerden und trotz tobenden Unwetters unbedingt ins Tierheim fahren zu müssen, nützte es auch nichts, wenn mir der Tierheimleiter telefonisch mitteilte: „Du bleibst heute bei diesem Sauwetter mal schön zu Hause“. Das wollte mir überhaupt nicht gefallen: „Verdammter Mist!“ Und kaum das der Hörer wieder aufgelegt war, meldete sich meine innere Stimme zu Wort: „Ach was, ich versuche es trotzdem und schaff´ das schon, irgendwie und irgendwann ins Tierheim zu gelangen“.
Und schließlich hinter dem Lenkrad sitzend, war es manchmal schon ein recht beklemmendes Gefühl, in den Straßengräben entweder einen Omnibus oder einen auf dem Dach liegenden PKW zu sichten und wahrzunehmen. War hier möglicherweise jemand ernsthaft verletzt und benötigte dringend Hilfe? Also galt es Anzuhalten, Nachzuschauen, zu helfen oder Hilfe anzufordern. Solcherlei Unfälle hätten mich eigentlich zur Vernunft bringen müssen, aber statt umzukehren, fuhr ich natürlich weiter und wollte unbedingt ins Tierheim gelangen. Irgendwie muss ich angesichts so mancher Fahrt ins Tierheim unter winterlichen katastrophalen Bedingungen wohl stets einen Schutzengel an meiner Seite gehabt haben. Das ich letztlich nicht auch mit meinem Vehikel derartige Saltos und Unfälle erlitt, das ist und bleibt entweder ein Wunder oder einfach nur eine riesengroße Portion Glück.
Ein nicht weniger waghalsiges und „vergnügliches“ Abenteuer waren an solchen Tagen dann natürlich auch die Fahrten zurück nach Hause. Schon allein vom Tierheim überhaupt erst einmal auf die Hauptstraße zu gelangen, war an manchen Winterabenden mitunter zum Verzweifeln. Da ich meist als Letzter das Tierheim verließ und alle anderen Helfer und Mitarbeiter längst schon das Weite gesucht hatten, war es keineswegs immer einfach und unproblematisch, ohne jegliche Hilfe zurechtkommen zu müssen und wieder nach Hause fahren zu können. Wenn es Abends Zeit wurde, das Tierheim zu schließen und die Heimfahrt anzutreten, dann waren oft nur der Wald, die Dunkelheit und das winterliche Unwetter die einzigen Zeugen meiner Hilf- und Ratlosigkeit. Einsteigen, Motor starten, Gang einlegen, Kupplung kommen lassen und behutsam Gas geben. Verdammter Mist, beide Hinterräder standen auf vereistem Grund und versagten kläglich ihren Dienst. Streugut? Natürlich nirgendwo welches zu finden. Irgendwo ein menschliches Wesen in der Nähe zwecks Anschieben und kameradschaftlicher Hilfe? Nein, weit und breit keine menschliche Hilfe in Sicht und die Zeiger der Uhr drehten sich mehr und mehr in den immer später werdenden Abend hinein. Wenn es schneite und schneite, oder mitunter auch heftig stürmte und die Zufahrt zum Tierheim demzufolge zugeweht und mit einem Schneepflug am Abend und in dieser Einöde natürlich nicht zu rechnen war, dann hatte ich ein ziemlich besorgniserregendes Problem. Sollte ich vielleicht besser im Tierheim übernachten? Nein, die eigenen vier Wände waren die bessere Alternative und somit galt es, zunächst erst einmal meiner festsitzenden Karre und dann der zugewehten Fahrbahn mittels Schaufel und Schneeschippe zu Leibe zu rücken. Ob nun Schneeverwehungen oder stattdessen halsbrecherisches Glatteis: Der Winter forderte oft seinen Tribut und konfrontierte mich nicht selten mit Erschwernissen und gefahrvollen Situationen. Welch eine Erleichterung, nach einer derartigen Fahrt durch winterliche Schneewüsten irgendwann und endlich aus dem Auto aussteigen zu können und solch eine Heimfahrt glücklich überstanden zu haben. Und wenn sich das stürmische Unwetter am nächsten Tag noch nicht beruhigt hatte und die Straßenverhältnisse daher immer noch chaotisch waren, musste dieser tierheimsüchtige Mitarbeiter selbstverständlich und dessen ungeachtet erneut ins Tierheim fahren, denn Dienst war Dienst und unwetterbedingte Hindernisse und Erschwernisse vermochten daran nichts zu ändern. Was kümmerten mich im Winter schwer passierbare Straßen? Was kümmerte mich eine Grippe? Was kümmerten mich starke Kopf – oder Magenschmerzen? Was kümmerte mich ein defekter, laut krächzender und stotternder Auspuff unter meinem Fahrersitz? Vorrangig und in erster Instanz war all mein Denken und Handeln offenbar weniger auf mich selbst, sondern mehr auf meine „Freunde auf vier Pfoten“ ausgerichtet.

